Was ist der Goethe-Blick?

Ob durch den „Faust“ oder „Die Leiden des jungen Werther“ – wir sind alle schon einmal mehr oder weniger freiwillig mit einem der größten deutschen Dichter in Kontakt gekommen: Johann Wolfgang von Goethe. Doch bei seinen Werken, die seit Generationen ihre Leser und Leserinnen faszinieren, hören die Besonderheiten rund um Goethe nicht auf. Ein Merkmal machte ihn auch in Hinblick auf das Sehen besonders interessant.

ALTERNIERENDES SEHEN

Mit dem sogenannten Goethe-Blick ist nicht das gute Auge des Dichters für packende Geschichten gemeint. Vielmehr bezieht sich die Bezeichnung auf seine Sehkraft. Denn Goethe war auf einem Auge kurzsichtig, während das andere normalsichtig war. Solch eine Ausgangssituation kann Beeinträchtigungen mit sich bringen, in der zweiten Lebenshälfte aber unter Umständen auch Positives bewirken.

Haben beide Augen deutlich unterschiedliche Sehstärken, führt das in Folge zu so genanntem alternierenden, also abwechselndem Sehen. Das bedeutet: Unser Gehirn sorgt dafür, dass ein Auge für das Sehen in die Ferne, das andere für das nahe Sehen zuständig ist. Der Seheindruck des Auges, das gerade nicht genutzt wird, wird gewissermaßen ignoriert.

Voraussetzung für das räumliche Sehen ist allerdings, dass die Eindrücke beider Augen im Gehirn zu einem Bild verarbeitet werden. Wer also, wie Goethe, zwei verschiedene Sehstärken aufweist, kann womöglich nicht räumlich Sehen. Einen entscheidenden Einfluss darauf hat die Ausprägung der Differenz beider Sehstärken. Aber wie fast immer im Leben hat jede Medaille zwei Seiten: Diese Arbeitsteilung der Augen hat auch einen nicht unerheblichen Vorteil.

MONOVISION BEI ALTERSSICHTIGKEIT

Selbst bis ins hohe Alter hinein hat Goethe wohl keine Sehhilfe benötigt. Ursache dafür war sein Goethe-Blick, bei dem ein Auge für die Nähe und eines für die Ferne zuständig war. Das ermöglichte dem Dichter wahrscheinlich lebenslang scharfes Sehen in den meisten Situationen und Distanzen – zu seinem Glück. Denn Goethe war kein großer Freund von Brillen: „Sowie ein Fremder mit der Brille auf der Nase zu mir hereintritt, kommt sogleich eine Verstimmung über mich, der ich nicht Herr werden kann.“

Auch wenn nachlassendes Sehen mit voranschreitendem Alter vom Goethe-Blick profitiert, hat das auch negative Folgen, die den heutigen Alltag einschränken: Erreicht die Sehschärfe in der Ferne auf beiden Augen nicht mindestens 0,7 ist die Voraussetzung für das Bestehen des Führerscheinsehtest nicht gegeben und weitere Untersuchungen sind erforderlich, um festzustellen ob ein sicheres Autofahren möglich ist.

Von Natur aus verfügen nur Wenige über einen Goethe-Blick. Der Effekt kann jedoch durch Kontaktlinsen oder eine Operation künstlich erzeugt werden. Dieses Verfahren nennt sich Monovision, wovon vor allem Altersweitsichtige profitieren.

UMSETZUNG DER MONOVISION

Beim Monovisions-Verfahren wird mit Hilfe von Linsen ein Auge für das Sehen in die Ferne und ein Auge für das nahe Sehen angepasst. Dabei wird zuerst bestimmt, welches Auge das dominante oder auch das führende Auge ist. Es wird meist auf das Sehen in der Ferne korrigiert. Nun wird das zweite, also das Lese-Auge auf die Nähe optimiert, bis es eine leichte Kurzsichtigkeit von etwa 1 bis 1,5 Dioptrien aufweist.

Das Umsetzung der Monovision per individualisierter Kontaktlinse ist risikoarm und umkehrbar. Es lässt sich auch unkompliziert feststellen, ob die Monovision für eine Person mit Alterskurzsichtigen in Frage kommt und ob so der gewünschten Effekt erzielt werden kann. Ausschlaggebend für den Erfolg ist nämlich immer die persönliche Wahrnehmung: Kann das Gehirn die zwei unterschiedlichen Seh-Eindrücke zu einem Bild verarbeiten? Wenn eine Korrektur der Alterssichtigkeit durch Monovision möglich ist, aber Kontaktlinsen auf Dauer nicht gewünscht werden, lässt sich der Effekt auch durch eine entsprechende Operation erzielen. Hier sind allerdings auch die Unumkehrbarkeit und die Risiken zu bedenken, welche ein Eingriff an den wichtigsten unserer Sinnesorgane nach sich ziehen kann.

Monovision ließe sich natürlich auch mithilfe einer Brille erzeugen, allerdings mit einem wenig ästhetischen Ergebnis. Der Grund: Hinter Gläsern, die Weitsichtigkeit korrigieren, wirken die Augen größer. Umgekehrt sehen die Augen hinter Gläsern, welche Kurzsichtig korrigieren, kleiner aus. Und wer möchte schon mit einem großen und einem kleinen Auge leben?

SCHARF SEHEN DANK GOETHE-BLICK – NUR MIT EINSCHRÄNKUNGEN

Vorausgesetzt das Gehirn kann die beiden verschiedene Seheindrücke der Augen zu einem harmonischen Bild verarbeiten, ist es per Monovision tatsächlich möglich weitgehend auf eine andere Sehhilfe zu verzichten. Lediglich bei mangelhafter Ausleuchtung könnte eine Lesebrille notwendig werden. Der Preis dafür wären allerdings Einschränkungen beim räumlichen Sehen sowie ein reduzierter Kontrast.

Quelle: seh-check.de (Text), pixabay.de (Foto)