Schwarz-Sehen war gestern

Es stimmt also doch, das Bild vom Brille tragenden Intellektuellen. Die Brille ist nicht einfach so zum Synonym für Klugheit geworden, sondern man weiß mittlerweile: Lesen macht schlau – und kurzsichtig. So haben mittlerweile fast 50% aller Gymnasiasten eine Brille. Und jedes weitere Jahr Ausbildung schlägt mit etwa einer weiteren ¼ Dioptrin zu.

Und warum ist das so? Die Antwort darauf haben wir der Universitätsklinik in Tübingen zu verdanken. Schuld, ob wir kurzsichtig werden oder nicht, sind die Kontraste. Im Auge gibt es als Sehzellen die ON-Zellen und die OFF-Zellen. Je nach Kontrast werden die einen oder die anderen dieser zwei Zellentypen stärker angeregt. Nehmen wir dunkel auf hell wahr, dann sind die OFF-Zellen aktiv und funken die aufgenommen Information zur Verarbeitung an das Gehirn. Werden die OFF-Zellen länger als eine halbe Stunde beansprucht, beginnt der angestrengte Augapfel zu wachsen. Ein „zu großer“ Augapfel verschiebt das glasklar zu erkennende Bild vor die Netzhaut. Und so erscheint es in der Wahrnehmung verschwommen. Willkommen in der Kurzsichtigkeit!

Aufgrund von Tierversuchen wurde zudem deutlich, dass die Anregung der ON-Zellen das Wachstum nicht negativ – eventuell sogar positiv - beeinflusst. Dieses Ergebnis wurde dann noch einmal in einer Mini-Studie am Menschen überprüft und bestätigt. Es stimmt: Wer Weiß auf Schwarz liest wird klug auch ohne Brille.

Jonas Stallmeister hat eine spannende Zusammenfassung über Weiß und Schwarz und ihre Bedeutung für das Lesen geschrieben. Die Highlights wollen wir auf keinen Fall vorenthalten:

Wir glauben an Schwarz auf Weiß. Wir vertrauen Schwarz auf Weiß. Denn so steht es geschrieben – sei es auf Papyrus, Birkenrinde, Pergament oder Papier – oder gedruckt. Sogar die Höhlenmalereien zeigen dunkle Farben auf Kalkstein. Schwarz auf Weiß ist der Ursprung.

Weiß auf Schwarz wurde es an der Tafel in der Schule, wohl eine Frage von Verfügbarkeit und Kosten. Und viel später dann mit den ersten Computern. Beim Programmieren ist Weiß auf Schwarz ein Must-have. Eigentlich aus technischen Gründen, da schwarze Pixel weniger flimmern. Mehr Hintergrund, mehr Schwarz, weniger Flimmern! So einfach! Und so cool für alle Nerds unter uns!

Später dann wollte man mit dem PC dem Ausdruck auf Papier möglichst nahe sein. So wurden die Textprogramme umgestellt auf Schwarz auf Weiß. An der Lesbarkeit liegt das nicht. Denn mittlerweile weiß man, dass die leichten Typographien auf Weiß und die fetten auf Schwarz besser lesbar sind.

Und übrigens:
Für Menschen mit Hornhautverkrümmung sind Texte Schwarz auf Weiß besser lesbar, für Personen mit hoher Lichtempfindlichkeit hingegen ist es genau anders herum! Können Sie sich denken, warum?

Originalpublikation: http://www.nature.com/articles/s41598-018-28904-x Reading and Myopia: Contrast Polarity Matters. Andrea C. Aleman, Min Wang & Frank Schaeffel. Scientific Reports volume 8, Article number: 10840 (2018) DOI:10.1038/s41598-018-28904-x

Quelle: www.centigrade.de / Foto: pixabay.com